Di
31
Aug
2010
Erster Schultag
Da jia hao!
Mittlerweile ist es September und ich melde mich wieder mit einem neuen Bericht ueber meine Zeit in Tangshan.
In der Zwischenzeit habe ich die letzten schulfreien Tage verbracht und mit meiner Gastfamilie viele Sachen unternommen. Ich war im Erdbebenmuseum von Tangshan, wir waren viel in den riesigen Department-Stores von Tangshan, die wie eine riesige Traumwelt aussehen. Alles ist akkurat und kitschig verpackt. Man fuehlt sich schlecht, wenn man irgendwas auch nur um einen Centimeter verrueckt.
So wirklich guenstig ist das dann dort alles auch garnicht. Heute habe ich Bettwaesche fuer umgerechnet 300 Euro gesehen. Kleidung wuerde ich in diesen Department-Stores auch nicht kaufen. Die sind oft teurer als bei uns in Deutschland. Die DVD-Abteilung ist hier aber wirklich einen Besuch wert. Fuer 50 cent bis 2 Euro bekommt man aktuelle Filme, mehrsprachig und mit Rechtschreibfehlern auf der Verpackung.. ;)
Mit meiner Gastfamilie verstehe ich mich nach wie vor sehr gut. Jetzt wo die Schule angefangen hat und ich selbst merke, wie viel die Jugendlichen hier lernen muessen, moechte ich jede Auesserung in diesem Blog ueber die Computeraffinitaet meines Gastbruders widerrufen. Nachdem ich nun gesehen habe, wie die Schulzeit fuer die Chinesen hier aussieht, fuehle ich mich sogar schlecht, den Computer in der Ferienzeit irgendwann auch nur 5 Minuten lang mal benutzt zu haben. Die Eltern nehmen den Schulanfang (Kaixue) sehr ernst. Auch mir haben sie gesagt, dass sie von mir verlangen nach Schulschluss zu lernen (wiegesagt: Schule ist von 6:50 bis 17:45). Das ist kein Problem fuer mich, da ich sowieso ein paar Schriftzeichen lernen moechte. Im Moment lerne ich ca. 20-30 am Tag und muss die aber auch immer wiederholen, um nichts zu vergessen.
In der Schule sieht unser Stundenplan folgendermassen aus:
4x Chinesischunterricht (2x Oral, 2x intensive Reading)
3x Kulturunterricht (Special Physical Education, Special Music Lesson und Kalligrafie & Kunst)
2x Unterricht mit der Klasse (Englisch, Chinesisch, Musik, Informatik)
Der Chinesischunterricht ist nicht so toll, da wir halt bei 0 anfangen, da die andere Austauschschuelerin garkein Chinesisch kann. Ich sitze dann dort und lerne Schriftzeichen und schlage die Zeit tot.
In PE lernen wir ab naechster Woche Wu Shu mit einem Holzstab als Schwert. In Musik lerne ich ein traditionelles chinesisches Floetenartiges Instrument (Hu Lu Si), waehrend die andere Austauschschuelerin tanzen lernt. Und in Kunst machen wir im Moment ebenfalls Kalligrafie, sodass ich 4 Stunden in der Woche Kalligrafie lerne.
Der Unterricht mit der Klasse ist echt gut. In Englisch komme ich gut mit, auch wenn der Unterrichtsstil vollkommen anders ist. Meine Lehrerin hat mir eine Hausaufgabe aufgegeben, Praepositionen in Saetze einzufuegen, manchmal auch ganze Ausdruecke. Ich komme damit nicht zurecht, weil bei 40% der Aufgaben mehr als eine Loesung fuer mich richtig erscheint. Die Chinesen koennen sowas im Schlaf ausfuellen, ich schreibe da doch lieber freie Texte, was hier nicht so praktiziert wird. Als wir in Englisch ueber Freundschaft gesprochen haben und wir fuer jeden Buchstaben von Friendship ein Adjektiv oder Nomen nennen sollten, habe ich bei E "empathy" genannt, was selbst die Lehrerin nicht kannte.
Die Klassen hier sind aber viel groesser als in Deutschland. Ich glaube, dass ich die 40 Namen niemals lernen werde.
Falls ich irgendwas nicht verstehe in den anderen Faechern lerne ich einfach Schriftzeichen. Die Mitschueler gucken mich dann ganz fasziniert anschauen.
Interessant ist auch wenn die Lehrer meinen chinesischen Namen waehrend einer ihrer Vortraege nennen und sich dann alle zu mir umdrehen und mich anlaecheln und ich nichts verstehe und einfach zurucklaechel.
Die Schuluniform ist ganz gut, und ich empfinde es als kein Problem die taeglich zu tragen. Ich kann mich noch an die vielen Argumentationen/Eroerterungen im Deutschunterricht ueber dieses Thema erinnern. Hier ist es garkeine Frage, die Schuluniform zu tragen, und niemanden stoert sie.
Das Schulgebaeude ist riesig. Ich hab auch jetzt noch manchmal Probleme meine Klasse zu finden, aber langsam wird es besser. Die Schule selbst ist fuer chinesische Verhaeltnisse sehr schoen. Nirgendwo broeckelt die Wand und es ist alles sehr sauber. Es ist immerhin die beste Schule in Tangshan. Das einzige was mich stoert ist der wirklich widerliche Geruch, wenn man an den Toiletten vorbeigeht. Ich werde die wohl niemals benutzen koennen und wollen.
Die Lehrer sind auch alle sehr nett und helfen mir beim Schulalltag. Auch in der Schule werden wir beiden Austauschschueler staendig angeguckt und die Chinesen fragen sich, wieso wir dort mit ihren Schuluniformen rumlaufen. Wenn man denen dann erzaehlt, dass man fuer ein Jahr an der Schule bleiben wird, sind sie meistens ganz freundlich und freuen sich sehr darueber.
Im Moment lerne ich neben den vielen Schriftzeichen auch ein bisschen den lokalen "Dialekt" "Tangshanhua" (Tangshan-Sprache), der eigentlich lediglich dadurch auffaellt, dass hinter manchen Woertern ein Tonhoehen-Salto angehaengt wird. An einen der vier Toene des Chinesischen wird dann einfach noch ein Salto angehaengt, der das ganze wie eine Kindersprache klingen laesst. :)
Benutzt wird der Dialekt eigentlich nurnoch bei Familientreffen, in der eine lockere Stimmung herrscht. Auf der Strasse und ueberall sonst wird Hochchinesisch benutzt.
Am naechsten Montag in der Schule erlebe ich dann das erste Mal das Flaggehissen und Nationalhymnen-Singen, worauf ich schon gespannt bin.
Fotos werden noch folgen.
Bis dahin,
Zaijian
China - Ein Jahr in 7800 Kilometern Ferne
