Meine Erlebnisse in China im Februar 2011
Do
24
Feb
2011
Das Fest der Fus und Hasen, Guangzhou und Schulanfang
大家好 - Da jia hao,
erstmal ein grosses Entschuldigung fuer diese ewig lange Zeit in der ich hier nichts geschrieben habe.
Die grossen mehr als einen Monat langen Neujahrsferien (过新年) sind nun vorbei, und auch ich sitze wieder jeden Tag von 6:50 bis 17:30 in der Schule. Im Moment bereite ich mich auf den 汉语水平考试 Level 5 vor. Ich habe mal gehoert, dass ich, falls ich den bestehe, auf eine ziemlich gute chinesische Universitaet gehen koennte. Darum lerne ich natuerlich besonders viel dafuer, auch wenn ich noch nicht genau weiss, ob ich spaeter in China studieren moechte.
Im Februar war dann das Fest, worauf ich die ganze Zeit in China gewartet habe (wenn es schon nicht Weihnachten gibt) : Das chinesische Fruehlingsfest!
Ueber eine Zeit von 9 Tagen (wobei der erste der wichtigste war) sind wir sehr oft zu Verwandten gegangen. Es gab fast keinen Tag an dem wir nicht im Restaurant sassen. Als wir bei den Grosseltern meines Gastbruders waren haben sich im zehnminuten-Takt entfernte Bekannte die Klinke in die Hand gegeben und sie auch nie laenger als diese 10 Minuten geblieben. Aber das muss man in China machen, jedem noch so entfernten Bekannten am besten persoenlich ein "新年好“ - Frohes neues (Hasen-)Jahr wuenschen. Guanxi halt.
Der wichtigste Tag des Festes war wirklich sehr toll. Wir sind schon frueh Morgens zur Familie meines Vaters gefahren (obwohl mein Vater gerade in Algerien ist und garnicht nach Hause zurueckgekommen ist, gingen wir mit unserer Mutter zu ihren Schwiegereltern, denn in China muss man zu diesem Fest die Eltern des Mannes besuchen. Die Grosseltern muetterlicherseits muessen alleine feiern).
Der ganze Tag war eigentlich nur ein grosses Essen, vor allem am Abend als wir in ein Restaurant gegangen sind, fuer das unsere Familie (bei 15 Personen) umgerechnet 700 Euro ausgegeben hat.
Abends wurde mir dann beigebracht, wie man chinesische Jiaozi kocht (bzw. wickelt). Lange vor dem Fest sah man auf der Strasse an wirklich jeder Ecke kleine gruene Huetten, die Feuerwerk verkauften. 10 Raketen kosten in China 1 Euro und darum hatte meine Familie auch insgesamt eine kleine Abstellkammer mit Feuerwerk vollgestellt. Um 12 Uhr ging es dann raus und alles wurde auf einmal (ein wenig lieblos) verballert. Das ganze war nach 20 Minuten vorbei und es ging wieder rein, wo es dann die vorher gemachten Jiaozi gab und noch das chinesische Neujahrsfernsehprogramm gab (in China werden an diesem Abend alle Sender gleichgeschaltet und senden ein- und dasselbe Programm)
Spaeter gab es dann noch 红包 - Rote Umschlaege. In ihnen befindet sich ein Geschenk, denn in China verschenkt man zum Neujahrsfest grundsaetzlich Geld. Meine Mutter sagte mir dann, dass ich jetzt an der Reihe sei. Sie machte mir vor wie man das macht. Ich musste zu jedem aelteren Verwandten gehen, mich vor ihm verbeugen, ihm ein frohes neues Jahr wuenschen und schauen, ob er seine Hand in Richtung Jacken, bzw Hosentaschen steckt, um einen Umschlag herauszuruecken. Ungefaehr die Haelfte hatte dann auch wirklich welche fuer mich. Wenn man einen erhaelt sagt man: "Gongxi Facai, Shenti Jiankang" - Viel Glueck und Gesundheit. Und ganz wichtig: der Umschlag muss mit beiden Haenden angenommen werden, das habe ich beim ersten Mal vergessen ;)
Der Abend ist dann noch nett ausgeklungen. Das chinesische Neujahrsfest (zumindest der erste besagte Abend) ist unserem Silvester relativ aehnlich. Eines gibt es hier allerdings, dass es in Deutschland nicht gibt: Fu! Fu ist das von mir meistgesehene Zeichen nach denen des Logos meiner Schule. 福 Fu haengt an fast jeder Haustuer Chinas und dann auch noch an fast jeder Seite einer Wand. Und das in Nord- und Suedchina. 福 heisst uebersetzt einfach nur Glueck. Oft wird es umgedreht aufgehaengt, denn das Wort fuer umgedreht heisst 倒 dao, und das hoert sich genau so an (und sieht auch fast so aus) wie 到 was "ankommen" heisst. Also Glueck, das in die eigene Wohnung ankommt.
Dann gibt es noch das Schriftzeichen 鑫 Xin,das man auch relativ sieht. 鑫besteht aus drei aufeinandergestellten 金 (Gold). Das Schriftzeichen bedeutet darum also Reichtum.
Am Tag darauf ging's dann schon los! Sachen wurden gepackt und ab ins nochmal fast zweitausend Kilometer entfernte Guangzhou in der suedchinesischen Provinz Guangdong. Von einem Kleinstflughafen in Peking bin ich mit meiner Familie zusammen zweieinhalb Stunden dorthingeflogen.
Schon bei der Ankunft war es genial: 23 Grad, und das Abends um 8 Uhr.
In welchem anderen Land als China gibt es das schon: Im Januar im -30 grad kaltem Harbin und dann nur einen Monat spaeter bei sommerlichen Temperaturen in Suedostasien, nahe der vietnamesischen Grenze.
Die Sprache dort unten ist auch komplett anders: Verkehrssprache ist Kantonesisch. Die U-Bahn ist dreisprachig: Mandarin, Kantonesisch und Englisch. Dialekt ist schon fast die falsche Bezeichnung, es ist wirklich eine komplett andere Sprache.
"Entschuldigung, ich spreche kein Kantonesisch"
"Duibuqi, wo bu hui shuo guangdonghua" (Mandarin)
"Deoingee, aw ng sik gong gwongdungwaa" (Kantonesisch)
Die meisten dort koennen aber auch Hochchinesisch.
Am ersten Tag nach unserer Ankunft sind wir in den groessten suedchinesischen Zoo gegangen und haben uns die Stadt angeguckt. Guangzhou ist echt so viel schoener als all die nordchinesischen Staedte, die ich bisher gesehen habe. Am Strassenrand stehen Palmen, es ist einigermassen sauber, der Himmel ist noch blau und es ist nicht besonders laut. Das haengt aber auch damit zusammen, dass wir am zweiten Tag der Feierlichkeiten angekommen sind und dort alle chinesischen Staedte wie leergefegt sind, weil alle aufs Land fahren um mit ihren Familien zu feiern.
Abends haben wir dann eine regionale Spezialitaet gegessen. Eierteig mit Fuellung und Sojasosse. Das Essen ist dort unten auch noch besser. Was mache ich hier oben im Norden eigentlich? ;)
Am naechsten Abend gings dann ins staedtische Museum, auf eine Blumenausstellung (sehr interessant fuer mich...) und ins Stadion der Guangzhou Asian Games.
Die Chinesen sind sehr stolz auf all ihre Events. In Beijing ist noch jetzt Olympia-Flair zu spueren, an jeder Ecke stehen entsprechende Souvenirshops, in Guangzhou (was lediglich die etwas weniger bekannten asiatischen Spiele abgehalten hat) ebenfalls. Ich schaetze in Shanghai wird es in Bezug auf die Expo nicht anders aussehen.
Wir waren dann allerdings noch auf dem 广州新电视塔 - dem Guangzhouer Fernsehturm. Nach 3 Stunden anstehen (das machen die Chinesen gerne) sind wir dann ueber 100 Stockwerke mit dem Fahrstuhl in 1:08 Minuten gefahren, auf eine Hoehe von ungefaehr 450 Meter - klar, geht noch hoeher aber man hatte schon einen tollen Ausblick auf die Stadt.
Nochmal eine halbe Stunde musste man fuer ein Foto anstehen, das auf einer herausstehenden Glasplattform geschossen wurde.
Am naechsten Tag gings dann auf ins 2 Stunden entfernte laendliche Gebiet von Guangzhou, wo in einem Gebirgekomplex eine alte buddhistische Anlage steht. Nach 2 Stunden Bergsteigen (die Chinesen sitzen allerdings oft lieber im Shuttlebus, der sie hochfaehrt) kamen wir dann an einem Tempel an, in dem ich mir mal wieder die Zukunft vorhersagen lassen habe. Viel ausser: "Pass auf dich auf, ueberstuerze nichts und halte an Bewaehrtem fest" wurde mir aber vom Lehrmeister nicht gesagt ;)
Nach 3-maligem knienden Verbeugen vor einer Buddhastatue gingen wir dann weiter in den Gebirgskomplex hinein. Nach einer Ueberfahrt mit einem traditionell gehaltenen chinesischem Boot gings uebers kristallklare Wasser in einen kleinen Urwaldkomplex. Dort gab es dann keine Treppen mehr sondern nur noch willkuerliche Steinebenen. Viele herunterhaengende Aeste und teilweise doch steile Schluchten haben mir dann auch erklaert, wieso auf diesem Pfad ausser meinem Bruder, einem Familienfreund und mir fast niemand unterwegs war.
Als wir dann an einem Wasserfall ankamen und man sich traditionell mit dem dortigen Wasser bespritzte ging es dann wieder abwaerts ins Tal.
Der Tag hat mir so mit am besten gefallen. Der naechste war aber auch nicht schlecht: Es ging nach 珠海 Zhuhai.
Ebenfalls zwei Stunden entfernt in eines von Chinas Tourismuszentren.
Aber auch dort war nicht so viel los, wie ich es erwartet habe. Viel haben wir dort nicht gemacht, eigentlich nur eins: die Thermalquellen besucht.
Zhuhai liegt direkt am Meer, weil man darin aber nicht baden darf (ich glaub das darf man nirgendwo in China ausser vielleicht auf der Suedinsel Hainan) wurden dort riesige Thermalquellen errichtet. 3 Saunas (wenn ich schon nicht nach Finnland gegangen bin, wie AFS mir erst vorgeschlagen hat), bin ich wenigstens in die finnische Sauna bei 90 Grad gegangen ;) Dann gab's noch so Dinge wie kleine Becken mit Fischchen die einem in die Haut bissen und dadurch wohl reinigen sollten. Besser gefallen hat mir die erste Kieselerdebehandlung meines Lebens :D Dort wurde man von heissen Kieselsteinen ueberschuettet und konnte sich fuer 15 Minuten nicht bewegen.
Wir waren ungefaehr 9 Stunden in diesem Badekomplex und sind erst Abends um 9 Uhr gegangen, dann schnell ins Hotel und am naechstem Morgen direkt wieder zurueck nach Guangzhou: Von der Stadt habe ich also nicht viel gesehen.
Zurueck in Guangzhou hatte ich dann allerdings mit Zeit mit meinem Bruder zusammen ein bisschen einkaufen zu gehen. Ein Maozedong-Mauspad, zwei Guangzhou T-Shirts und ein Chinesischbuch. Abends gings dann in ein tuerkisches Restaurant, das wir auf dem Weg gefunden haben.
Am naechsten Tag ging dann relativ frueh unser Flieger zurueck ins kalte Tianjin :( -5 Grad haben mich begruesst und direkt einen Tag spaeter hatte ich nach meinem Sonnenbrand (im Februar!) aus Guangzhou der gerade wieder verheilt war dann eine schoene Erkaeltung. Aber damit muss man leben, wenn man in Nordchina lebt.
Nur eine Woche spaeter konnte ich den kalten Norden aber wieder ins Herz schliessen: es ging fuer 3 Tage nach Beijing! In die tollste Stadt der Welt (habe ich das hier schonmal geschrieben?).
Peking ist eine unglaubliche Stadt. Riesig, facettenreich ohne Ende, ein Gegensatz in sich und doch ueberhaupt nicht so anonym wie manche anderen Metropolen.
Diesmal kam ich aber nicht wie so oft zum Sightseeing sondern wurde von einem Freund aus Dortmund eingeladen, fuer einige Tage an die Deutsche Botschaftsschule zu kommen, um mal einen kurzen Einblick in die deutsche Kultur zu bekommen ;)
Dieser kurze Miniaustausch hat mir viel gebracht. Ich habe einen Einblick in das deutsche Schulsystem bekommen, mein Deutsch hat grosse Fortschritte gemacht und so schlecht wie alle immer sagen schmeckt das deutsche Essen (vor allem nach 6 Monaten ohne!) garnicht.
Die Deutschen sind ein interessantes Volk. Es kaeme fuer einen Deutschen nie in Frage eine Schuluniform zu tragen, obwohl das hier doch China ist. Oder gar woechentlich in Reih und Glied auf dem Schulhof innbruenstig dabei zuzuschauen, wie die Landesflagge gehisst wird, die Hymne hoerend. In Deutschland zaehlt es nicht als Unverschaemtheit, im Unterricht eine Frage im Sitzen zu beantworten.
Ja, in Deutschland. Nach diesen Tagen habe ich das Gefuehl gehabt, dass hinter den Schultoren ein anderes Land als davor liegt. Wieso also die Sprache dort draussen lernen oder sich mit Dingen wie der chinesischen Kultur abgeben?
Integrationsdebatte Fernost. Immer diese Deutschen.
Man sollte froh sein, dass die Chinesen tolerant sind. Sie verlangen moralisch nicht, dass ein Auslaender ihre Sprache sprechen kann oder sich mit ihrer Kultur identifizieren kann. Fuer einen Dialog mit einem ueblichen Landsbuerger auf der Strasse ist es aber ersteres doch unerlaesslich.
Zurueck in Tangshan habe ich nun wieder Schule und lerne fleissig Chinesisch und Kalligrafie. Die Gastfamilie musste ich zum letzten mal jetzt noch einmal wechseln, da mein Gastbruder wie bereits geschrieben in einem auesseren Stadtbezirk lebt und in der Schule wohnt.
Natuerlich bringe ich ihm immernoch Deutsch bei :) Und nochmal: Deutsch beibringen ist verdammt spannend!
Meine neue Gastfamilie ist super. Mein Gastbruder geht im Sommer fuer ein Jahr nach Italien. Ich bin aber erst kurze Zeit hier.
Ich bin aber durchaus froh, vergleichsweise oft die Gastfamilie gewechselt zu haben, denn es hat mir Einblicke in viele Familien gegeben, die durchweg sehr verschieden waren. Ich sehe das wirklich als eine Bereicherung meines Auslandsjahres.
China ist ein tolles Land. Der Grossteil meiner Zeit hier ist zwar vorueber, aber auch der Rest wird nicht weniger voller neuer Erfahrungen sein.
再见
China - Ein Jahr in 7800 Kilometern Ferne